SEITE 361 Jainismus gesamtes Kapitel Titel Inhalt vorige Seite gesamte Vorlesung Sûtrakritâṅga Sûtra
psychische, aber wirkliche, Bedingungen (dieser Art), nämlich Zorn, Stolz, Trug und Gier; denn Zorn, Stolz, Trug und Gier sind psychische Bedingungen. Dabei entsteht das schlechte Karman für ihn. Dies ist die achte Art von Sünden zu begehen, nämlich durch eine bloße Einbildung. (16)
9. Nun behandeln wir die neunte Art von Sünden zu begehen, nämlich durch Stolz. Dies ist der Fall, wenn ein Mann (sozusagen) trunken mit Stolz der Kaste, Familie, Schönheit, Frömmigkeit, Wissen, Erfolg, Macht, Intelligenz[1], oder jede andere Art von Stolz[2], kränkt, beschuldigt, mißbraucht, beschimpft, verachtet jemand anderen und sich selbst preist (denkend:) "er ist minderwertiger als ich, ich bin von besser Kaste oder Familie, und verfüge über mehr Macht und andere Vorteile[3]." Wenn er diesen Körper verlässt und nur von seinem Karman begleitet wird, er, ohne seinen eigenen Willen, geht hervor aus dem Schoss in den Schoß, von Geburt zu Geburt, von Tod zu Tod, von Hölle zu Hölle. Er ist grausam, eigensinnig, wankelmütig, und stolz.[4] Dabei entsteht das schlechte Karman für ihn. Dies ist die neunte Art von Sünden zu begehen, nämlich durch Stolz. (17)
10. Wir behandeln nun die zehnte Art von Sünden zu begehen, bestehend in schlechter Behandlung seiner Freunde. Dies ist der Fall, wenn ein Mann zusammen lebend mit seiner Mutter, seinem Vater, seinen Brüder, Schwestern, Ehefrauen, Söhne, Töchter oder Schwiegertöchtern, selbst die kleinsten Vergehen von ihnen schwer bestraft, z.B. er taucht den Missetäter[5] in kaltes Wasser oder gießt heißes Wasser über ihn, oder verbrüht ihn mit Feuer, oder peitscht seine Seiten wund mit einem Halfter, Rohr, Seil[6], Gurt aus Leder, Peitsche, oder
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[1] Dies sind die acht Arten von Stolz, madasthânâni.
[2] Es besteht noch eine neunte Art von Stolz als Sammelbegriff für alles andere, das sich im Herzen in Stolz wandeln kann, z.B. bei einer Erzählung eigener Heldentaten oder Ereignisse sich über andere erhoben fühlen. Wenn bei Lob sein Herz sich erhebt und bei Spott sich gekränkt fühlt, hat Stolz noch nicht bezwungen und muss noch an sich mental arbeiten, bis das Herz im Gleichgewicht bleibt. Vgl. Psalm 1 Vers 1 (nicht umsonst an dieser 1. Stelle als Thema gewählt!) Man sollte nicht spotten, nicht andere bewirken zu spotten, noch zustimmen, wenn andere Spotten (um jemanden zu kränken). ΑΏ
[3] auch solche Vorteile, die man sich erkauft oder andere Vorteile, die man schon dank der Kaste, usw. besitzt, ausnützt und freiwillig angebotene Vorteile zulässt
[4] Wenn ich schlussendlich geschafft habe in diesem weltlichen Leben diesen Stolz zu bezwingen, ich den Weg zur Besitzlosigkeit, Gewaltlosigkeit, Keuschheit freiwillig, gerne und mit Wissen, dass dies alleine aus dem samsâra (Wiedergeburten) führt, ich noch die Klippe des Stolzes der frommen Art, hier aufgezählt an vierter Stelle, zu umschiffen habe, mich nicht über andere erhoben zu fühlen, selbst wenn man das Wissen erreicht hat und mystische Kräfte offenbart worden sind, „der vorletzte Vorhang sich gehoben hat“. ΑΏ
[5] Das Original hat kâyam, den Körper
[6] Nettêna = nêtrêna. Der Kommentator sagt, dass es ein bestimmter Baum ist; aber ich denke, die übliche Bedeutung von nêtra, nämlich Seil, passt besser.